Anschauen macht Gedanken

Reisebericht Verdun, Somme 2014

Manchmal sind Protokolle oder Reiseberichte, die man noch schreiben sollte wie Kaugummi an den Fingern: man versucht sie endlich abzustreifen, aber sie kleben unangenehm. Mit diesem Reisebericht verhält es sich für einmal nicht so: ich schreibe den Bericht gern, weil ich voll Dankbarkeit, angeregt und bereichert auf vier Weiterbildungstage zurückblicken darf. Dankbar, weil ein Reiseleiter sehr gut vorbereitet war, alles durchorganisiert hatte, die Teilnehmer der Weiterbildung – 100 Jahre später – der Erste Weltkrieg an der Westfront (24. – 27. September 2014) bunt zusammengewürfelt, neugierig und top motiviert waren und das Wetter uns gnädig gesinnt war.

Aber besucht haben wir eigentlich die Vorhölle: Schauplätze des Ersten Weltkrieges, die heute noch von hundert Tausenden von Opfern berichten, jungen Männern aus der ganzen Welt, die zum grössten Teil nicht gewusst haben, was auf sie wartete, durch die Anfänge einer lügnerischen Propaganda an die Fronten geschickt wurden, um Krieg zu spielen. Schlecht ausgerüstet für das, was sie erwartete, mussten sie zum Teil tagelange Märsche auf sich nehmen, um dann an der eigentlichen Front nur noch als Zielscheibe der Wucht der Handwaffen und Geschütze des ersten industriellen Krieges nicht stand halten zu können. Wie auch?

Schlachten-Tourismus? Mit einer Annonce aus der Basler Nachrichten hat uns Roberto Peña, der Reiseorganisator und –leiter, am Mittwochmorgen an der Uni Basel empfangen. Mit Staunen haben wir da gelesen, dass schon 1921 Reisen an die Orte des Grauens angeboten wurden. Ein Zeitgenosse von damals – Karl Kraus – beklagte mit scharfer Zunge die Tatsache, dass während der Reise auch die leiblichen Genüsse nicht zu kurz kommen sollten. Pietätlos!?

Warum besuchen Menschen, Lehrer Schlachtfelder? Um Schüler später dahin zu führen, vielleicht.

Ich war auf der Suche nach Verstehen und bin nicht viel weiter gekommen, es ist immer noch Hölle und Wahnsinn, aber es ist Teil unserer Geschichte, der ich mich seit letzter Woche wieder etwas mehr zugehörig fühle. Es sind ein Teil der Vorfahren meiner Gastgeber, wenn ich in Frankreich oder England in den Ferien bin, die da gefallen sind. Mit ihnen gehöre ich zu einem politischen Europa, das sich seit dem zweiten Weltkrieg um Verständigung und Achtung vor dem Andern, auch dem Andersartigen bemüht. Und es fällt nicht immer einfach!

Nach wie vor habe ich nicht den Eindruck, der Tod der Tausenden, die da liegen, war sinnvoll, aber er war und ist Realität, Millionen Menschen haben gelitten und ich bin davon gekommen!

Wir Nachgeborenen, was haben wir heute für Sorgen?

Friedhof vor dem Beinhaus von Douaumont

Friedhof vor dem Beinhaus von Douaumont

Bevor wir aufgebrochen sind, hat Prof. Georg Kreis anhand einer eindrücklichen Bildersammlung einiges berichtet über die innere und äussere Bedrohungssituation in der Schweiz während der Kämpfe an den Fronten in Europa, über die Sorgen der Helvetia. Wir waren vorbereitet auf die Vielschichtigkeit der Thematik Erster Weltkrieg.

Von Basel ging’s per Kleinbus nach Verdun, wo ein Abendspaziergang mit unserem Verdun-Spezialisten vor Ort – Pierre Lenhard – ein erstes Bekanntwerden mit dem Ort, der synonym geworden ist für Schlachten mit einem nie gekannten Menschenverschleiss über Tage hinweg. Heute ist Verdun ein eher verschlafenes Provinzstädtchen mit etwas Tourismus dank der traurigen Vergangenheit. Die Friedhöfe und Schlachtfelder des ersten Weltkrieges locken nicht mehr so viele Touristen an wie auch schon: umfunktionierte Hotels und leere Geschäfte bezeugen dies.

Das Gelände und Beinhaus von Douaumont lag am nächsten Morgen im Nebel, alles war grau, kalt und feucht. Das passte zu diesem Ort: ein gigantisches Beinhaus, hunderte von Namen von toten Soldaten, ein Friedhof und eine Kapelle, die einem den Glauben eher nahm als gab.

Die feuchten und finsteren Gänge, Unterstände und Kasematten der Festung von Douaumont ergänzen das Bild von einem Krieg von ungekanntem Ausmass, den wir als so weit zurück liegend sehen und der doch da war: mitten in Europa!

Auch mit Pierre Lenhard wurden wir am Nachmittag Zeugen einer Topographie von Menschen-und Materialschlachten, die den Boden vor Ort vollständig und für immer verändert haben.

Wir haben nicht nur Schützengräben besucht – Unterschiede zwischen französischen und deutschen gesehen – dazwischen Minentrichter, die aus einer einstigen Dorflandschaft mit Rathaus und Kirche eine unbegehbare, abschreckende Oberfläche mit Dornengestrüpp und Brennnesseln, die man in ihren Höhen und Tiefen nur wahrnehmen kann, wenn eine ganze Mannschaft (auch Frauen) mit riesigen Geräten tagelang diesem unfruchtbaren Dickicht zu Leibe rückt, sondern auch das Gangsystem, das sich die Feinde hüben und drüben immer tiefer unter der Erde angelegt haben, wahr genommen. Die Minentrichter sind so steil und unwegsam, dass selbst die vorwitzigsten Jugendlichen nicht Lust verspüren in sie hineinzusteigen.

Da, wo einst die Dorfkirche von Vauqois stand, steht heute für Besucher des Geländes ein Schild. Nichts anderes erinnert an ein Bauwerk, geblieben ist nur die spektakuläre Sicht ins Umland und damit die strategische Bedeutung, die man dem Ort zuwies.

Sicht aus einem deutschen Schützengraben bei Vauquois

Sicht aus einem deutschen Schützengraben bei Vauquois

In das unterirdische Gangsystem hat mich keiner locken können, meine Neugier war plötzlich weg.

Wenn ein Hügel Symbol für die Sinnlosigkeit von Krieg sein kann, dann der von Vauquois.

Eine ganz andere Art des Gedenkens haben die Amerikaner mit dem Meuse-Argonne American Cemetery and Memorial geschaffen: eine gepflegte Parklandschaft, auf der 14’246 lateinische Kreuze und Davidsterne aus Carraramarmor stehen. Welch‘ Gegensatz zu Douaumont und Vauquois!

Tags darauf war unser Ziel das Memorial von Thiepval, welches an die Schlacht an der Somme erinnert. Man fährt länger Richtung Norden, als ich mir vorgestellt hatte und bekommt so auch einen Eindruck, wie unglaublich lange die Westfront war. Das Memorial von Thiepval, die grösste Gedenkstätte für französische und britische Soldaten, von denen nur der Name übriggeblieben ist… man gedenkt ihrer mit einer Parkanlage und einem gigantischen doppelten Bogen, in dessen Sockelanlage mehr als 72’000 Namen britischer Gefallener graviert wurden. Wir hatten wunderbares Turner-Wetter, das durch den Bogen einen Rahmen bekam und man konnte nicht anders, als immer wieder fragen, wie war dieses Schlachten an einem landschaftlich so wunderbaren Ort möglich!

Am Nachmittag ging es weiter nach Péronne mit seinem beeindruckenden Museums-und Dokumentationszentrumskonzept. Das Historial de la Grande Guerre von Péronne beleuchtet auf eindrückliche Weise, wie auch die technische Seite des Krieges über Leben und Tod entscheiden kann: es wird der Frage nachgegangen, wie die Soldaten und ihre Offiziere ausgerüstet, angezogen waren. Was trugen sie auf dem Leib? Franzosen und Deutsche das gleiche? Eben nicht! Krass, wie die Uniform der Franzosen von 1914 noch aus einer andern Welt und Zeit stammte. Der Krieg als Sonntagsausflug? Rote Hosen und Mützen, königsblaube Jacke mit goldenen Knöpfen: ein ideales Ziel. Die neue Uniform war dann ein wässriges Blau, der Farbstoff für Feldgrün hätte aus Deutschland bezogen werden müssen, aber mit Deutschland stand man im Krieg. Ein voll ausgerüsteter französischer Soldat hatte auf die Höhe von Vauquois, um da zu kämpfen, an die dreissig Kilo zu schleppen, an den Füßen trug er nur so eine Art Halbschuhe. Die nötigen Stiefel hatten die Gegner.

Wenn man die Uniformen so vor einem im Parkett des Museums liegen sieht, ist dieser Eindruck durch keine Lektüre zu ersetzen: man ist als Besucher verblüfft. Wenn man sich dann noch die Zeit nimmt und die Radierungen von Otto Dix zum Krieg anschaut, dann wird einem Horror und Schrecken lebendig.

Historial de la Grande Guerre – Ausrüstung eines „Poilu“, eines französischen Soldaten

Historial de la Grande Guerre – Ausrüstung eines „Poilu“, eines französischen Soldaten

Nach einer komfortablen Nacht in St-Quentin ging’s am Samstagmorgen dann endlich Richtung Frieden, aber nicht Versöhnung: wir besuchten den Wald von Compiègne und sahen uns im Museum die Nachbildung des Wagens aus der Zugskomposition von General Foch an, in dem der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Ist es möglich, dass das mit Federn geschah, dem Wahnsinn mit ein wenig Tinte ein vorläufiges Ende setzen?

Die Heimreise danach ist lang, 100 Jahre sind vergangen, seit dieser Wahnsinn der Weltgeschichte begonnen hat und ich bin froh, dass ich an dieser Stelle einfach nur einem ausserordentlich gut vorbereiteten Reiseleiter danken kann – ein grosses Kompliment an Roberto Peña – und dank auch einer fidelen und interessierten Reisegruppe: arbeiten wir weiter mit dem vielen Material, das wir erhalten haben – verarbeiten müssen wir den Krieg zum Glück wohl nicht mehr.

29. September 2014

Brigitte Berlincourt


Der Titel wurde von Roberto Peña gesetzt, der Text wurde von Brigitte Belincourt (Kursteilnehmerin) geschrieben und von R. P. redigiert und gekürzt. Die Fotos wurden von Peter Specogna (Kursteilnehmer) gemacht und von R. P. bearbeitet und in den Text gesetzt.